Paneltalk bei der Informationsveranstaltung zum Oldenburger Wärmeplan am 2.12.2025. Alle Bilder auf dieser Seite: Jörg Hemmen
700 Menschen, ein Wärmeplan, ein Ratsbeschluss: Was strategische Dialog-Architektur wirklich leistet
Text: Melanie Peschel, Stand 13.03.2026
Zwischen einem technisch fundierten Wärmeplan und einem politisch tragfähigen Ratsbeschluss liegt mehr als ein formales Verfahren. Es liegt ein gesellschaftlicher Prozess, der konzipiert werden muss. Diese Fallstudie aus Oldenburg zeigt, wie strategische Dialog-Architektur diesen Prozess gestaltet und welche Strukturen dabei den Unterschied machen.
Eine Stadt mitten in ihrer Wärmewende
Oldenburg hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Klimaneutralität bis 2035. Der Kommunale Wärmeplan (KWP) zeigt technisch detailliert auf, wie das gelingen kann. Doch über 90 Prozent der Gebäude hängen am Gasnetz. Und ein technisch brillanter Plan, der in der Stadtgesellschaft nicht verankert ist, bleibt – unabhängig von seiner fachlichen Qualität – ein Papiertiger.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Welche Technik ist die richtige? Sondern: Wie wird aus einem technisch fundierten Plan ein politisch tragfähiger Beschluss, der auf echtem gesellschaftlichem Verständnis basiert?
Zwei strategische Ebenen – eine Gesamtarchitektur
Das Oldenburger Projekt war von Anfang an als Gesamtarchitektur angelegt, in der zwei strategische Rollen eng miteinander verzahnt waren:
Die coool agency entwickelte das kommunikative Fundament des Prozesses: das Narrativ „Mach's. Konkret“ sowie die begleitenden Kommunikationsmittel für Print und Web inklusive Erklärfilm und Infografiken für Social Media – präzise, und in einer Sprache, die eine ganze Stadt ansprechen kann.
Meine Aufgabe als Dialog-Architektin bei Tracemaker war eine andere Ebene: die strategische Konzeption der Dialogformate, die Prozessgestaltung und -durchführung über sieben Veranstaltungen sowie die abschließende Dokumentation als formaler Beteiligungsbericht – einschließlich der aus dem Prozess aggregierten politischen Handlungsempfehlungen an den Rat.
Kommunikation schafft Aufmerksamkeit. Dialog-Architektur schafft Entscheidungsgrundlagen. Beides Hand in Hand entwickelt erzeugt Impact. Die enge strategische Verzahnung zwischen der kommunikativen Umsetzung durch coool und der Tracemaker Dialog-Architektur hat den entscheidenden Impact erzeugt.
Die Ausgangslage: Wenn Komplexität Handlungsfähigkeit blockiert
Wenn ein technischer Plan veröffentlicht wird, stellen Bürgerinnen und Bürger keine technischen Fragen. Sie stellen emotionale und existenzielle Fragen:
- „Ich bin 70 Jahre alt – rechnet sich das für mich noch?"
- „Die Wärmepumpe passt doch gar nicht in mein altes Reihenhaus, oder?"
- „Wann wird mir das Gas abgedreht?"
Diese Fragen sind keine Hindernisse für den Prozess – sie sind der Prozess. Wer sie ignoriert, verliert die Stadtgesellschaft auf dem Weg zur Klimaneutralität. Die Stadt Oldenburg hat den Dialog deshalb nicht als Pflichtübung verstanden, sondern als strategische Serviceleistung: Orientierung schaffen, Komplexität zugänglich machen und die Grundlage für tragfähige politische Entscheidungen legen.
Die Architektur der Begegnung: 3 Erfolgsfaktoren aus der Praxis
Mein Job als Tracemaker war nicht, als Moderatorin durch einen Abend zu führen - das war vielmehr das Ergebnis aus den vorherigen Schritten: Meine primäre Aufgabe war es, einen Prozess zu entwerfen, der aus Stimmen von über 700 Menschen eine belastbare Erkenntnisgrundlage für den Stadtrat macht. Drei Gestaltungsprinzipien waren dabei entscheidend:
1. Peer-to-Peer statt Frontalbeschallung
Die wertvollste Währung in der Change-Kommunikation ist Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht durch Fachvorträge, sondern durch bekannte Personen - keine Promis, sondern Nachbarinnen und Nachbarn wie du und ich. Indem wir Bürgerinnen und Bürger auf die Bühne holten, die den Umstieg auf die Wärmepumpe im Altbau bereits gewagt hatten, wurden Mythen – unbezahlbare Kosten, unzumutbarer Lärm – authentisch entkräftet. Keine Folie, kein Diagramm hätte das geleistet.
2. Fokussierte Plenumsdramatik statt unkontrolliertem Ventil
Offene Fragerunden im Plenum bergen ein bekanntes Risiko: Einzelne dominante Stimmen kapern das Mikrofon mit hochgradig individuellen Problemfällen und ziehen die Grundstimmung im Raum nach unten. Die Moderationsarchitektur setzte dem einen klaren Rahmen entgegen: Das Plenum wurde auf Fragen von allgemeinem Interesse fokussiert. Für komplexe Einzelfälle etablierten wir im Anschluss den „Marktplatz der Möglichkeiten" – mit Innung, Stadt, EWE und Verbraucherzentrale als direkten Ansprechpartner. Das schützte die konstruktive Atmosphäre und bot gleichzeitig individuelle Resonanzräume.
3. Lebendige Fragen-Wände statt stummem Nicken
Nicht jeder spricht gern vor 150 Menschen ins Mikrofon. Das Instrument der „Lebendigen Fragen-Wand" – Klebepunkte auf thematischen Plakaten – ermöglichte es jedem Gast, persönliche Sorgen sichtbar zu priorisieren, ohne Rampenlicht. Das Ergebnis: ein klares, datenbasiertes Bild der tatsächlichen Bedarfe der Stadtgesellschaft – keine Vermutung, sondern Evidenz.Die eigentliche Wirkung: Dialog als Instrument politischer Entscheidungsfähigkeit
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen strategischer Dialog-Architektur und symbolischer Bürgerbeteiligung – und hier ist Ehrlichkeit wichtig.
Ob einzelne Bürgerinnen und Bürger nach den Veranstaltungen ihre Heizung tauschen, lässt sich nicht messen. Das ist auch nicht der richtige Wirkungsanspruch. Die relevante Wirkungsebene liegt höher: auf der des politischen Systems.
Über 130 dokumentierte Eingaben der mehr als 700 Teilnehmenden flossen in einen formalen Beteiligungsbericht ein, der nicht nur Stimmungen zusammenfasst, sondern konkrete politische Handlungsempfehlungen für den Rat enthält. Darunter: der Aufbau eines „Botschafter-Pools" aus der Nachbarschaft sowie ein gezieltes Beratungsangebot speziell für Wohnungseigentümergemeinschaften (WEGs), deren spezifische Situation im Dialog besonders deutlich wurde.
Dieser Bericht verschwand nicht in der Schublade. Er ist Grundlage für die Beratung im Ausschuss für Stadtgrün, Umwelt und Klima und die anschließende Fixierung im Ratsbeschluss.
Das bedeutet: Maßnahmen, die fachlich bereits geplant waren, bekommen durch den Dialogprozess demokratische Substanz. Der Stadtrat beschließt nicht mehr nur einen technischen Plan – er beschließt einen Plan, der aus der Stadtgesellschaft heraus geformt wurde. Das ist der Unterschied zwischen einem Beschluss, der auf dem Papier steht, und einem, der in der Praxis trägt.

Was Kommunen und Organisationen daraus mitnehmen können
Komplexe Transformationsprojekte brauchen keine Beteiligungsveranstaltungen. Sie brauchen eine Dialog-Architektur - einen strategisch konzipierten Prozess, der von Anfang an darauf ausgelegt ist, gesellschaftliche Bedarfe sichtbar zu machen und politische Entscheidungsfähigkeit herzustellen.
Das Oldenburger Beispiel zeigt: Wenn der Dialog nicht als Anhang zur Planung verstanden wird, sondern als strukturbildendes Element des politischen Prozesses, entsteht etwas, das kein Gutachten ersetzen kann - demokratische Legitimation für mutige Entscheidungen.
Den vollständigen Dialogbericht und alle Ergebnisse finden Sie teils schon heute - teils ab demnächst (zirka Mai 2026) auf dem Klimaportal der Stadt Oldenburg. Mehr über das Projekt auch bei der coool agency dokumentiert.

Copyright Jörg Hemmen / Stadt Oldenburg
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FAQ über Stakeholder-Dialoge im Kontext Energie, Klima, Nachhaltigkeit
Weil Transformation ohne Beteiligung zum Papiertiger wird. Gerade im Klima- und Energiebereich betreffen Entscheidungen viele Menschen direkt - von Kommunalpolitik bis Bürgerinitiative, von Energiekonzern bis NGO. Stakeholder-Dialoge schaffen Verständnis, Vertrauen und Akzeptanz. Sie sind der Schlüssel, um aus Pflicht Kommunikation und aus Kommunikation Veränderung zu machen. Kurz: Wer Stakeholder übersieht, verpasst die Chance auf echten Fortschritt.
Neben klassischen Formaten wie Workshops und Bürgerveranstaltungen sind heute interaktive Formate gefragt: Barcamps, Open Space, Gamification-Elemente wie das Spiel „Keep Cool“ oder das „Klimapuzzle“. Auch Storytelling-Ansätze - etwa bei Science Slams oder in Podiumsgesprächen – wirken Wunder, um komplexe Themen verständlich und emotional anschlussfähig zu machen. Wichtig ist: Das Format muss zur Zielgruppe passen – und Spaß darf’s auch machen.
Top-Fehlerliste gefällig? Unklare Kommunikation, zu spätes Einbinden, fehlende Relevanz für die Teilnehmenden und, Klassiker, schlecht vorbereitete Moderation. Unser Tipp: Strategische Planung mit Stakeholder-Mapping, gutem Erwartungsmanagement und der richtigen Portion Empathie. Und ja, auch mal üben, mit Gegenwind umzugehen. Beteiligung ist kein Selbstläufer - aber mit Vorbereitung läuft sie besser.
Mehr Hintergrundinfos? Hier weitersurfen:
Besuche das Klimaportal der Stadt Oldenburg mit der Detailseite zur Wärmewende. Toll gemacht! Hier entlang.